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DER BELARUSSISCHE PAVILLON AUF DER 54. BIENNALE VENEDIG (2011): WIKTAR PJATROU: PHÄNOMENE DER ZEIT

Artikel: Ekaterina Kenigsberg

Im Leben und Schaffen von Wiktar Pjatrou gibt es ein erstaunliches Phänomen: physisch lebt der Künstler in unserer Zeit, geistig befindet er sich in einem anderen Koordinatensystem. Schon in der Mitte der 1980er Jahre ging er in eine Art schöpferische Emigration, lebte sich dort ein und wollte sogar nach dem Wechsel der Epochen nicht zurückkehren.

Zu der Zeit, wo in der Kunst muntere Bildreportagen von den Feldern und Baustellen des Sozialismus herrschten, konnte man sich die Werke des herausragenden Underground-Vertreters Wiktar Pjatrou in Berichts- und Jubiläumsausstellungen schwer vorstellen. Um zu leben, zu arbeiten und auszustellen, musste er andere Methoden suchen. Eine Möglichkeit zu überleben war die 1987 gegründete Gruppe moderner unabhängiger Künstler „Forma“ (Die Form). Das war ein erster bedeutender Sieg des belarussischen Undergrounds. Denn noch vor kurzem war die Existenz eine Künstlergruppe außerhalb des Künstlerverbands undenkbar gewesen. 1988 – 1990 stellte die Forma sowohl in den neuen unabhängigen inoffiziellen Galerien (z.B. in einem Forschungszentrum in Minsk und im Institut für Kernphysik in Troitsk/Russland), als auch in den Galerien und Museen in Russland, Polen und Estland aus. Zu dieser Zeit gab es auch erste gemeinsame Ausstellungen mit französischen Künstlern.

Später wurde die Forma durch die unabhängige Minsker Künstlergruppe M-Art abgewechselt, die ebenso von Wiktar Pjatrou initiiert worden war. 1990 – 1992 hat die Gruppe sechs Ausstellungen in Belarus, Litauen und Frankreich durchgeführt.

Wiktar Pjatrou war einer der Gründer der unabhängigen Kunstgalerie „Die 6. Linie“ in Minsk. Das geschah im Jahr 1992, wo Belarus bereits ein unabhängiger Staat war. Es entstanden unabhängige nicht kommerzielle Kunstgalerien und Messgelände, zuerst in Minsk und Witebsk, später in anderen belarussischen Städten. Der Zeitraum 1990-2000 war die Blütezeit der Galerien in Belarus. Es wurden neue Kunstformen angeeignet und noch nie dagewesene Kunstaktionen durchgeführt. Die unabhängige Kunstgalerie „Die 6. Linie“ präsentierte die Werke der belarussischen Underground-Künstler Ljudmila Russowa, Igor Kaschkurewitschm, Wiktar Pjatrou, Olga Sazykina sowie der jungen belarussischen Fotographen Igor Sawtschenko, Halina Moskaljewa und Wladimir Schachlewitsch. Ausschließlich in der „6. Linie“ konnte man sich seinen Weg durch die dicht gedrängt stehenden Menschenmassen gebahnt, die erste Woche einer Performance miterleben, sich großartige kuratorische Projekte ansehen, moderne deutsche und französische Fotokunst oder polnische Malerei und Grafik besichtigen.

Wiktar Pjatrou hatte nie sein eigenes Atelier. Alle Skizzen, Entwürfe und andere Materialien für seine Performances fertigte er in einer alten Dreizimmerwohnung im Zentrum von Minsk an. Schlechter stand es um die Malerei. Kleine Werke nahmen nicht so viel Platz in Anspruch, aber mit den Großformatbildern wurde es schwierig. Aber auch unter den schweren Bedingungen malte der Künstler 1997 sein Ölgemälde „Apokalypse. Warnung.“ Um das Papier auszurollen, wurden alle Möbel aus dem größten Zimmer in der Wohnung weggeräumt. Die Perspektive überblickte der Künstler von einer gewöhnlichen Stehleiter. Das 430õ445 cm große Gemälde wurde speziell für die Präsentation in der unabhängigen Kunstgalerie „Die 6. Linie“ r mit ihren 7 Meter hohen Decken gemalt. Das grelle, feuerrote und unheimliche Bild lockte heran. Die auf dem Gemälde dargestellten umarmten zerrissen den Raum. „Apokalypse. Warnung“ wurde zu einem Symbol für den Umbruch in der belarussischen bildenden Kunst Ende der 1990er Jahre.

Leider wurde 1998 die „6. Linie“ geschlossen, und seitdem stellt Wiktar Pjatrou seine Malerei in Belarus nicht mehr aus.

Mit den Begriffen „der erste“ und „einer der ersten“ kann man jede künstlerische Tätigkeit beschreiben. Wiktar Pjatrou war einer der ersten in Belarus, der sich der Performance als Kunstform zugewandt hatte. Die unverständlichen, informellen, von den sowjetischen Kulturbehörden nicht anerkannten Performances passten gut in die Räume polnischer Galerien, die aktiv die belarussische Undergroundkunst ausstellten. Seit 1999 ist Wiktar Pjatrou ständiger Veranstalter und Teilnehmer am internationalen Performancefestivals „Nawinki“, das jährlich im Spätsommer oder frühen Herbst stattfindet. Manche aufgenommenen Performances von Wiktar Pjatrou wurden im belarussischen Pavillon auf der Biennale in Venedig vorgeführt.

Wiktar Pjatrou befasst sich nach wie vor mit Grafik und Malerei. Das traditionell mit Öl auf Papier gemalte Bild „Martha und Maria“ (150õ180 ńģ, 2008) stimmt in Farben und Leuchtkraft mit dem früheren Bild „Apokalypse. Warnung“ überein. Die präsentierten Gemälde „Christus auf dem Wasser“ (2010), „Sie schauen aus dem Fenster“ (1997), „Paar im Schnee“ (1997), „Paar im Himmel“ (2004) sind mit Öl auf Holz, Pappe oder Faserplatte gemalt und geben einen Überblick über verschiedene Schaffensperioden des Künstlers. Seit den letzten fünf Jahren zeichnet Wiktar Pjatrou viel am Computer. Die Reihe „Tausend und ein Bild am Computer“ kann man sich in abwechselnder Reihenfolge am Bildschirm ansehen. Die Bilderreihe „Paare“ (2009) gibt es auch in gedruckter Form.

2003 sagte Wiktar Pjatrou, dass die traditionellen Ölgemälde eine Gewohnheit und Sehnsucht nach dem Unumkehrbaren und Vergangenen seien.Im Laufe der Zeit ändern sich Technologien und Methoden, aber der Prozess künstlerischer Vervollkommnung, der Wunsch nach Erneuerung und die ständige Suche nach neuen Wegen bleiben unverändert.

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